SZ: Zusammenrücken im Unterhaus

  • Süddeutsche Zeitung, 02.08.2003
    http://www.sueddeutsche.de/sz/sport/red-artikel2747/


    Zusammenrücken im Unterhaus


    Vor dem Start in die Zweite Fußball-Bundesliga lässt der allgemeine Sparkurs Favoriten wie Arminia Bielefeld zweifeln – die kleinen Klubs wittern ihre Chance

    Bielefeld – Philipp Köster, Chefredakteur des Fußballmagazins 11 Freunde, ist Anhänger von Arminia Bielefeld. Für die Lokalzeitung Neue Westfälische schreibt der langjährige Stammgast im Stadion Alm eine Kolumne, in der er regelmäßig seinen Hoffnungen und Befürchtungen bezüglich des sechsmaligen Bundesligaauf- und -absteigers Ausdruck verleiht. Der Kolumnist kennt seine Pappenheimer, doch was den Verlauf der am Sonntag beginnenden Zweitligaspielzeit angeht, zeigt er sich ratlos und zieht sich in seiner Vorausschau auf das so genannte „Geideck-Orakel“ zurück, wonach der Saisonverlauf der Arminia stets vom Gesichtsausdruck des Assistenztrainers auf dem offiziellen Mannschaftsbild abhänge. Diesmal schaue Frank Geideck „wie sieben Tage Regenwetter“, folglich befürchtet Philipp Köster das Schlimmste.


    Der Gag ist bezeichnend. Nachdem der selbst ernannte „Sportclub der Ostwestfalen“ im Mai wieder einmal nach nur einem Jahr den Platz in der Eliteliga räumen musste, wagt in Bielefeld derzeit keiner eine sichere Prognose, was die nähere Zukunft bringen wird. Das gilt auch für die Verantwortlichen im Verein, die von dem durch einen fatalen Leistungseinbruch in der letzten Saisonphase verursachten Abstieg böse überrascht wurden. Lange mussten sie bangen, ehe ihr Klub die Zweitligalizenz erhielt. Markante Figuren wie Bastian Reinhardt, Artur Wichniarek, Christoph Dabrowski und Ansgar Brinkmann haben die Alm verlassen. Hinzugekommen sind in Roland Benschneider, Zeljko Radovic oder Patrick Owomoyela junge Spieler oder solche, die sich ihre Meriten im Profifußball erst noch verdienen müssen.


    Bei der Formulierung ihres Saisonziels halten sich die Arminen deshalb spürbar bedeckt. „Unabhängig von der tatsächlichen Qualität des Kaders“, sagt der nach dem Abstieg im Amt gebliebene Coach Benno Möhlmann, gehöre man „als Pendler zwischen Erster und Zweiter Liga immer zu den Aufstiegsfavoriten“. Ein Satz, der weiträumig interpretierbar ist. Im übrigen hat Möhlmann keinen Zweifel daran gelassen, dass ein mehrjähriges Gastspiel im Unterhaus unter seiner Ägide schwer vorstellbar ist. Die Forderung des Trainers nach „Verbesserung der Quantität und Qualität“ des Kaders scheint sich kurz vor Toreschluss immerhin zu erfüllen. Von Bundesligist 1. FC Kaiserslautern kommt vermutlich der ehemalige tschechische Nationalverteidiger Petr Gabriel, und im Angriff gelingt den Bielefeldern möglicherweise ein echter Coup: Der Grieche Nicos Machlas von Ajax Amsterdam, unter Europas Stürmern einst eine große Nummer, soll auf Leihbasis die Arminia verstärken.


    Ob die Transfers – sofern sie zustande kommen – den Klub allerdings tatsächlich in die Spitzengruppe hieven, wird sich erst erweisen müssen. Wie überhaupt die Situation in der Zweiten Liga so unübersichtlich wie selten ist. Der 1.FC Nürnberg und Energie Cottbus, die beiden anderen Absteiger, haben ähnliche Probleme wie Bielefeld – auch sie müssen sich mit veränderten Teams erst neu orientieren. Mainz und Fürth sind traditionell vorne dabei, um es am Ende dann doch nie zu schaffen. Duisburg und Ahlen haben engagiert investiert, doch der Nachweis, dass das Geld auch gut angelegt ist, steht noch aus. In seiner Verzweiflung erklärt mancher Experte Lübeck, Burghausen oder Aufsteiger Unterhaching zu Geheimfavoriten, und in der Tat: Die Gelegenheit für einen unerwarteten Durchmarsch erscheint in dieser Spielzeit günstig wie nie.


    Unwägbarkeiten, die zum einen natürlich mit der Struktur der zweithöchsten deutschen Klasse zusammenhängen. Insgesamt sieben von achtzehn Klubs steigen auf oder ab, weshalb es ein Mittelfeld im engeren Sinne nicht gibt und der Trainerstuhl mehr noch als eine Liga höher zum Schleudersitz wird. Außerdem ist durch die Kirch-Krise die Kluft zwischen den beiden Profiklassen größer geworden. So hat Arminia Bielefeld seine Umsatzerwartungen nach dem Abstieg von 22 Millionen Euro auf elf Millionen halbiert und liegt damit noch allemal im oberen Drittel. Nicht zuletzt diese Divergenz ist es, die Trainer Möhlmann („Es wird mit den Jahren nicht einfacher werden“ ) einen baldigen Wiederaufstieg anmahnen lässt.


    Einen prominenten Fürsprecher hat sein Team immerhin schon. Zweitliga-Urgestein Aleksandr Ristic hat für eine große deutsche Sportillustrierte die anstehende Saison prognostiziert, und für den ehemaligen Oberhausener Coach steht fest: „Bielefeld ist Top-Favorit und wird der Rolle gerecht.“ Eine Zuversicht, für die sie bei der Arminia einiges geben würden. Fürs Erste bleibt nur die Hoffnung, dass die neuformierte Elf auch die Skeptiker in den eigenen Reihen positiv überrascht. Und darauf, dass Assistenztrainer Frank Geideck beim Foto-Shooting einfach nur einen schlechten Tag hatte.


    Jens Kirschneck



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    Wie immer ein guter Artikel von Jens Kirschneck (der übrigens auch bei der neuen Almpost mitmischt). Lediglich Machlas betreffend ist er nicht ganz aktuell... :(
    Und: Schade, dass das Geideck-Orakel in Zukunft nicht mehr funktioniert. Der Mann wird sich gut überlegen, welches Gesicht er für das nächste Mannschaftsfoto aufsetzt... :D

  • Den Artikel find ich gut!
    Sachlich und besonders die Geschichte mit Geideck amüsant... hoffen wir mal, dass der Frank wirklich nen schlechten Tag hatte :D...


    Der Artikel sagt genau dass, was jeder von uns denkt :"Man ist die Prognose diese Saison schwierig..."!


    Diese Saison ist wirklich alles möglich; im positiven, wie im negativen Sinne!!!

  • Dieses Mal ist mir das Tippen einer Tabelle in der Zweiten Liga so schwer gefallen wie noch nie. Nur so viel: Wenn die Kader nicht mehr groß verändert werden, sehe ich Nürnberg als Favoriten (Platz 1), Arminia im gesicherten Mittelfeld (Platz 7) und Cottbus sogar noch dahinter (Platz 12). Auch sonst sehe ich die Vereine aus Bayern sehr stark, so erwarte ich eine große Überraschung entweder durch Burghausen oder die beiden Aufsteiger aus der Regionalliga Süd.


    Aber eigentlich alles untippbar. Die Erste Bundesliga hat da eine viel konservativere Struktur, und auch da gehen viele Tips Jahr für Jahr nicht wirklich auf.

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